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PROJEKT ZUM THEMA
„BETEILIGUNG VON JUGENDLICHEN“
In Niedersachsen ist es gesetzlich
geregelt, dass die Kommunalpolitiker Kinder und Jugendliche zu
altersgruppenspezifischen Fragen befragen. Es geht darum die
Politik nicht für die Kinder und Jugendlichen zu machen,
sondern mit ihnen zusammen. Wenn Kinder und Jugendliche in
den Kommunen lernen mitzureden, mit zu entscheiden und gemeinsam
Verantwortung zu tragen, werden sie später bereit sein unsere
Gesellschaft aktiv mitzugestalten.
Es geht um Problemstellungen aus
dieser Altersgruppe, die sie als Experten in eigener Angelegenheit
kompetent und verantwortlich bearbeiten können. Die
Beteiligungsmethoden müssen zum einen der Altersgruppe
entsprechen, zum anderen in überschaubaren Modellen oder Projekten
durchgeführt werden.
Entwicklung eines Projektes in Ritterhude
1.
Ein kurzer Rückblick
Der Rat der Gemeinde Ritterhude
unterstützt seit 1996 die Einbindung junger Menschen in das
demokratische Gemeinwesen. Allgemein versprechen sich die
Verwaltung und die Politik von dieser Beteiligungsarbeit eine
Senkung der Politikabstinenz oder Politikdistanz.
Der erste Schritt war die Gründung
eines Jugendparlamentes im Jahr 1996. Aus allen angeschriebenen
10-19jährigen bildete sich eine Gruppe aus 21 Ritterhuderinnen und
Ritterhudern, die an der Gründungsversammlung im Rathaus
teilnahmen. Mit dieser Gruppe sollte unter Anleitung der
Jugendfreizeitheimleiterin Christiane Baltrusch die Arbeitsweise,
ein Aufgabenkatalog und eine Geschäftsordnung erstellt werden. Es
wurde eine Sprecherin gewählt, die Sitz, Stimme und Antragsrecht
im Jugendausschuss der Gemeinde übernahm. Nach den ersten
begleiteten Versammlungen arbeitete das Jugendparlament bis 1997
selbstständig. Im Sommer 1997 löste es sich auf. Die Jugendlichen
vermissten einen ständigen Ansprechpartner in der Verwaltung, mit
dem sie z.B. ihre Ideen nach der Umsetzbarkeit besprechen konnten.
Außerdem fanden sich keine neuen Sprecher, die die aus beruflichen
Gründen ausscheidenden Vorsitzenden ersetzen wollten. Gerade die
jüngeren Mitglieder waren mit der klassischen Gremienarbeit
überfordert.
2.
Mitreden – planen – mitmachen
Für einen Neuanfang in der
Beteiligung von Kindern und Jugendlichen bei kommunalen Belangen
sollte die Form von Anfang an mit ihnen abgestimmt werden. Unter
Einbeziehung des Jugendfreizeitheimes, der Orientierungsstufe und
des Schulzentrums Moormannskamp sollten möglichst viele
11-17jährige für diese Idee begeistert werden. Nach einigen
Interviews mit Jugendlichen und den Einschätzungen der Mitarbeiter
aus der Jugendarbeit wählten wir die Form „Jugendforum“. Hier
sollten zu einem vorher festgelegten Jugendthema eine öffentliche
Veranstaltung durchgeführt werden, bei der ein überschaubarer
Inhalt mit interessierten Jugendlichen bearbeitet werden wird und
kein Teilnehmer sich über einen langen Zeitraum festlegen muss.
Arbeitsaufträge und Folgetreffen sind aber auch nicht
auszuschließen.
Die Themensuche
Welches Thema beschäftigte die
Ritterhuder Jugendlichen besonders? Mit Hilfe eines Politiklehrers
wurde in den 9. Und 10. Gymnasialklassen ein Fragebogen entworfen.
Dieser wurde im Sommer 1999 an die 5.-10. Klassen verteilt. Die
Lehrer erhielten ein erklärendes Begleitschreiben. Im Rahmen des
Unterrichts sollte der Bogen ausgefüllt werden. Von 752 Bögen
erhielten wir 352 zurück, von denen mehrere nicht aussagekräftig
waren. Es fehlten eindeutig die erklärenden Worte der Lehrer.
Diese Bögen waren aber die Auswertungsgrundlage.
Die Jugendlichen haben bei der
Beantwortung kein mehrheitliches Problemfeld herausgestellt und
vor allen Dingen wenig Interesse an einer Mitarbeit bekundet. Die
vielseitigen Freizeitaktivitäten waren als Hindernis für ein
weiteres Engagement genannt worden. Nach wie vor waren wir aber
der Meinung, dass es Jugendliche geben muss, die sich in ihrer
Gemeinde engagieren werden.
Im nächsten Schritt riefen wir die
KlassensprecherInnen der 5.-10. Klassen zu einer Vollversammlung.
Als Helfer fanden wir einige Jugendausschussmitglieder. In
Kleingruppen nach den Ortsteilen Alt-Ritterhude, Ihlpohl, Stendorf
und Platjenwerbe eingeteilt hatten sie die Aufgabe, einen
Ortsteilstraßenplan zu zeichnen und dort die Treffpunkte der
Jugendlichen zu markieren. Zusätzlich sollten sie die Qualität der
Treffpunkte bewerten. Die sehr phantasievoll gestalteten Ortspläne
kopierten wir für jede Klasse und die Klassensprecher beauftragten
ihre Mitschüler deren Treffpunkte zu markieren und zu beurteilen.
Weiterhin fragten sie in den Klassen nach fehlenden
Freizeitmöglichkeiten oder Verbesserungsvorschlägen.
So erhielten wir viele Anregungen
und Verbesserungsvorschläge und auch eine Liste mit interessierten
SchülerInnen. Im Dezember 1999 wurden diese Ergebnisse
zusammengefasst. Ein spezieller Vorschlag aus einem Ortsteil wurde
gleich im Jugendausschuss aufgegriffen, so dass für die
Jugendlichen eine aktive Jugendpolitik sichtbar wurde.
Die Auswertung ergab folgende
Themenliste:
Freizeitgelände (zusammengefasst
aus Bolzplatz, Inlinerbahn etc.)
Badestelle an der Hamme
Ortskernplanung (wie kann unser
Ortszentrum jugendgerecht gestaltet werden?)
Bearbeitung von Drogen oder Gewalt
mit jugendgerechten Anteilen
Das Freizeitgelände gewann mit
Abstand. Die auf der Liste angemeldeten Schüler kamen allerdings
nicht zum ersten Treffen im Sommer 2000. Nach einer Krisensitzung
mit den Politikern, die weiterhin diese Arbeit unterstützen
wollten, erarbeiteten die Freizeitheim-Mitarbeiter ein neues
Konzept zur Vorbereitung des Jugendforums zum Thema
„Freizeitgelände“.
PLAN F – Jugendliche entwerfen ein Freizeitgelände
Um die Bearbeitung des Themas
nicht noch weiter zu verzögern, einigten sich die Verwaltung, die
Politik und die Freizeitheim-Mitarbeiter auf das Außengelände des
Jugendfreizeitheimes als zu gestaltende Fläche. Es war nicht
notwendig den Flächennutzungsplan zu ändern, eine Aufsicht für das
Gelände war durch die Anbindung an die Jugendeinrichtung gegeben
und es war eine überschaubare Größe.
Der Auftakt für das Projekt war
ein Eröffnungsfest im Jugendfreizeitheim. In der lockeren
Atmosphäre einer Party konnte auf spielerische Art und Weise zum
Thema hingeführt werden. Im November 2000 sah das Programm
folgendermaßen aus:
Offene Angebote
Streethockey im Billardraum
Wunschkiste
Besichtigung eines Entwurfs für
ein Freizeitgelände (Modell eines Jugendlichen)
Ausstellung über die Ergebnisse
der voran gegangenen Fragebögen
Mitmach-Tisch mit Anmeldezetteln
für PLAN F-Interessierte
Gezielte Angebote
Mutprobe am Kletterseil (ein
Kletterseil wurde quer durch den Discosaal gespannt)
Spiele-Erfinder (aus Holzresten,
Karton, Quarkbechern usw. ein Spielgerät erfinden)
Skateboardstaffel auf der
Tanzfläche
So haben wir die Vielfalt der
Möglichkeiten für ein Freizeitgelände schon bewusst gemacht. Die
Jugendlichen brauchten Phantasie, Kraft, Mut und Geschicklichkeit
bei der Lösung der Aufgaben. Sie erfuhren, dass ihre Wünsche
gehört und ernst genommen werden. Sie mussten kooperieren,
gemeinsam an einer Aufgabe arbeiten, sich aber auch von der Menge
treiben lassen, wenn eine Kraft raubende Aufgabe bewältigt werden
musste. Auf dieser von 40 Jugendlichen besuchten Party haben sich
18 für das Projekt PLAN F angemeldet.
Die Modellbauphase
Der Ablauf sollte in vier Phasen
aufgeteilt werden
·
Modellbau
·
Vorstellung im örtlichen Bauamt zur sicherheitstechnischen und
baurechtlichen Überprüfung
·
Sponsorensuche für die Umsetzung der Idee
·
Jugendforum mit öffentlicher Vorstellung
Der Modellbautag gliederte sich in
fünf Phasen
·
Gemeinsame
Begehung des Geländes
·
Kartenabfrage „Wo liegen unsere praktischen, kreativen, sozialen
und intellektuellen Fähigkeiten?“
·
Gegenseitiges Fotografieren im PLAN F – T-Shirt
·
Auswertung
der Kartenwünsche auf der Eröffnungsparty
·
In
geschlechtshomogenen Gruppen einzelne Elemente entwerfen und in
der Gesamtgruppe diskutieren
Am Ende der Veranstaltung waren
die Elemente festgelegt: Skateplatz, Mehrzweckfeld, Hütte und
Bühne sollten auf dem Gelände gebaut werden. Die Gruppe baute
unter Anleitung ein maßstabgetreues Modell, das am 08.03.2001 dem
Bauamtsleiter übergeben wurde. Nach dessen Überprüfung sollte im
Juni 2001 das Jugendforum stattfinden. Die Gruppe hoffte auf eine
schnelle Regelung beim Bauamt des Landkreises, denn bisher war
unklar, ob diese Elemente einer Genehmigung bedürfen. Wir gingen
erst einmal davon aus und begannen mit der Vorbereitung auf das
Jugendforum und Präsentationen bei möglichen Sponsoren.
Das Jugendforum
Am 05.06.2001 fand in der Aula der
Riesschule das Jugendforum statt. Mit einem Kulturprogramm, vielen
Medien, einem Büffett, Dankesworten des Bürgermeisters Ingo Kurth
und des Landrates Ludwig Wätjen und der spektakulären Enthüllung
des Modells haben wir alle Besucher von unserer Idee überzeugt.
Diese kamen in erster Linie aus Alt-Ritterhude und waren zwischen
8 und 13 Jahre alt. Die 14-17jährigen haben wir nicht erreicht,
obwohl die Arbeitsgruppe PLAN F aus dieser Altersgruppe
zusammengesetzt war. Da die Resonanz durchweg positiv war, blieben
eigentlich nur die Fragen nach der Finanzierung im Raum, für die
Idee gab es keinen Widerstand.
Die Umsetzung
Die Kreissparkasse Osterholz
unterstützte das Projekt finanziell und von diesem Geld kauften
wir ein Gartenhaus aus dem Baumarkt, für dessen Größe wir keine
Baugenehmigung brauchten. In den Sommerferien 2001 stellten die
Jugendlichen die Hütte auf und in einem zweiten Treffen bauten wir
mit Kindern eine Sitzbank aus Mosaiktechnik. Während der
Bauarbeiten diskutierten wir immer wieder über die Gestaltung des
Geländes und in einer abschließenden Besprechung einigten wir uns
auf eine Änderung der Aufteilung. Das wurde dem Bauamt Osterholz
mitgeteilt und die ersten Hindernisse wurden uns auf den Weg
gelegt. Die Baugenehmigung wurde zurückgenommen und verschiedene
Gutachten sollten vorgelegt werden.
Die Finanzierung
Nachdem die Akzeptanz auf dem
Jugendforum signalisiert worden war, wurde der Antrag auf die
Finanzierung dem Gemeinderat vorgelegt. Insgesamt haben wir für
das Gelände mit Ausstattung 85.000,00€ errechnet. Der Gemeinderat
splittete die Summe in zwei Bauabschnitte. Die Bodenarbeiten
beliefen sich auf ca. 60.000,00 €. Hier war eine Eigenleistung zur
Kostensenkung auf Grund der Bodenverhältnisse auch nicht möglich.
Der Beschluss lautete so, dass die Jugendlichen 29.500,00€ in Form
von Spenden aufbringen sollten und dann würde die Gemeinde die
andere Hälfte finanzieren. Der Landkreiszuschuss sollte zu der
Hälfte der Jugendlichen zählen. Das bedeutete ein totales
Umschwenken der Aktivitäten. Von der Arbeit auf dem Gelände zu
Präsentationsaufgaben, Verkauf auf Märkten, Produktion von PLAN
F-Männchen zum Verkauf, Vorstellung bei Initiativen oder Parteien,
Beteiligung an Wettbewerben um Geld für das Projekt zu gewinnen.
Im Jahr 2005 hatten wir die Summe zusammen. Aber immer noch keine
Baugenehmigung!
Die Probleme
Der Erfolg beim Erbringen der
Geldsumme hatte zur Folge, dass die Anwohner beim Bauamt
Widerspruch einlegten. Sie befürchteten massive Lärmbelästigungen
und hatten nicht damit gerechnet, dass die Summe von den
Jugendlichen überhaupt erbracht werden würde. Es folgte ein
ausführlicher Schriftverkehr, Befragungen der Anwohner,
Ortstermine, ein zweites Lärmgutachten und eine lange Wartezeit
für die Jugendlichen. Für die Termine beim Landkreis über die
Nutzung des Geländes haben wir mittlerweile ganz andere
Jugendliche motivieren müssen als die aus dem Jahr 2001. Der
Streit um die richtige Lärmschutzrichtlinie und die Aktivitäten
zogen sich bis 2008 hin. Dann kam durch intensives Nachhaken der
PolitikerInnen und die Rücknahme des Beschwerdeführers aus der
Nachbarschaft die positive Nachricht: PLAN F wird gebaut. Für
unsere Zielsetzung Jugendliche für ihre Gemeinde und deren
Jugendpolitik zu begeistern, war dieser Beschluss das wichtigste
Signal. Über die Jahre haben so viele Jugendliche und auch
Erwachsene auf unterschiedlichstem Weg das Projekt unterstützt,
dass es noch mehr Politikverdruss erzeugt hätte, wenn alles
gestoppt worden wäre. Der Bezug zur Politik ging eigentlich
verloren, weil die Wartezeit bei den Ämtern massive Verzögerungen
zur Folge hatten. Es ist eher so, dass durch das Projekt die
PolitikerInnen mehr Verständnis für die Bedürfnisse der
Jugendlichen gewonnen haben, die Jugendlichen das Gespräch mit
Politikern geführt haben, aber einen Einstieg in die
Kommunalpolitik haben sie bisher nicht gefunden. Auf jeden Fall
hat die Arbeit am Projekt bei vielen Jugendlichen eine positive
Persönlichkeitsentwicklung bewirkt und sie haben viele Erfahrungen
in unterschiedlichsten Bereichen gesammelt. Unvergessen bleiben
sicher die Präsentationen beim NDR in Hannover oder im Landtag
Hannover!!!
Die Eröffnung
Am 03.06.2009 fand die feierliche
Eröffnung statt. Mit einem bunten Programm wurde von der
Bürgermeisterin Susanne Geils der Platz an die Jugendlichen
übergeben. Durch die kontinuierliche Begleitung der beiden
Mitarbeiter aus dem Jugendfreizeitheim hat dieses Projekt sicher
ein positives Ende gefunden. Wobei dieses PLAN F – Gelände immer
wieder von den Ideen der jugendlichen NutzerInnen leben soll und
von einem fertigen Projekt noch nicht gesprochen werden kann. Die
Ausstattung kann auf jeden Fall verbessert werden und die Ideen
der Jugendlichen müssen koordiniert werden. Und ohne ihre Mithilfe
geht es gar nicht!!!!
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